1. Nationalism in the West (Nationalismus im Westen)
Die Geschichte der Menschheit gestaltet sich
nach den Schwierigkeiten, denen sie begegnet.
Diese stellen uns Aufgaben, die wir lösen müssen,
wenn wir nicht herabsinken oder zugrunde gehen
wollen.
Diese Schwierigkeiten
sind verschieden bei
den verschiedenen Volkern der Erde, und die
Art, wie sie sie überwinden, macht ihren besonderen
Charakter aus.
Die Skythen des
alten Asiens hatten mit der
Kargheit ihrer natürlichen Hilfsquellen zu kämpfen.
Als die bequemste Lösung erschien ihnen,
daß sie ihre ganze Bevölkerung, Männer, Frauen
und Kinder, zu Räuberbanden organisierten. Und
so wurden sie denen unwiderstehlich, deren
Hauptleistung die friedlich aufbauende Arbeit
bürgerlicher Gemeinschaft war.
Aber zum Glück für den Menschen ist
der
bequemste Weg nicht der ihm gemäßeste Weg.
Wenn er nur seinem Instinkt zu folgen hätte,
wie eine Schar hungriger Wölfe, wenn er nicht
zugleich sittliches Wesen wäre, so würden jene
Räuberhorden schon inzwischen die ganze Erde
verheert haben. Aber der Mensch muß, wenn
er Schwierigkeiten gegenübersteht, die Gesetze
seiner höhern Natur anerkennen, deren Nichtbeachtung
ihm zwar augenblicklichen Erfolg
bringen kann, aber ihn sicher zum Untergang
führt. Denn das, was der niedern Natur nur
Hindernis ist, ist der höhern Lebensform eine
Möglichkeit zu höherer Entwicklimg.
Indien hat vom Anfang seiner Geschichte an
seine Aufgabe gehabt: das Rassenproblem. Ethnologisch
verschiedene Rassen sind in diesem Lande
in nahe Berührung miteinander gekommen.
DieseTatsache war zu allen Zeiten und ist noch
heute die wichtigste in unserer Geschichte. Es
ist unsere Aufgabe, ihr ins Gesicht zu sehen und
unsern Menschenwert dadurch zu erweisen, daß
wir sie im tiefsten Sinne lösen. Solange wir
nicht diese Aufgabe erfüllt haben, wird uns
Glück und Gedeihen versagt sein.
Es gibt andere Völker in der Welt, die in
der sie umgebenden Natur Hindernisse zu
überwinden
haben oder von mächtigen Nachbarn
bedroht sind. Sie haben ihre Kräfte organisiert,
nicht nur so weit, daß ihnen Von der Natur
und von menschlichen Nachbarn keine Gefahr
mehr drohen kann, sondern daß sie selbst
durch ihre überschüssige Kraft zu einer Gefahr
für andere geworden sind. Aber die Geschichte
unseres Landes, wo die Schwierigkeiten innerer
Art sind, ist eine Geschichte beständiger sozialer
Schlichtung und Anpassung, nicht eine
Geschichte zu Verteidigung und Angriff organisierter
Macht.
Weder die farblose Unbestimmtheit des Kosmopolitismus
noch die leidenschaftliche. Selbstvergötterung
des Nationalitätskults ist das Ziel
der menschlichen Geschichte. Und Indien hat
versucht, seine Aufgabe zu erfüllen, indem es
einerseits die Verschiedenheiten in eine soziale
Ordnung gebracht und andererseits das Bewußt-
sein der Einheit im Geist entwickelt hat. Es
hat schwere Fehler begangen, indem es zu starre
Schrahken zwischen den Rassen aufrichiete und
durch das Kastenwesen gewisse Stände dauernd
herabdrückte und zur Minderwertigkeit verurteilte;
es hat oft den Geist seiner Kinder verkrüppelt
und ihr Leben eingeengt, um sie den
sozialen Formen anzupassen; aber Jahrhunderte
hindurch hat es immer wieder neue Versuche
gemacht und Ausgleichungen geschaffen.
Indiens Aufgabe war die einer Wirtin, die für
zahlreiche Gaste zu sorgen hat, deren Gewohnheiten
und Bedürfnisse aile voneinander verschieden
sind. Dies bringt endlose Schwierigkeiten
mit sich, deren Hebung nicht nur Takt erfordert,
sondern wahre Teilnahme und das Bewußtsein
der Einheit des Menschengeschlechts. Dieses
Bewußtsein allgemein zu machen, haben schon
seit der frühen Zeit der Upanishads bis in unsere
Zeit große religiöse Lehrer geholfen, deren Ziel
es war, alle menschlichen Unterschiede auszulöschen
im uberströmenden Gottesbewußtsein.
Unsere Geschichte besteht fürwahr nicht in dem
Aufblühen und Zerfallen von Königreichen, in
Kämpfen um politische
Übermacht. Bei uns sind
die Berichte von solchen Ereignissen verachtet und
vergessen, denn sie machen keineswegs die wahre
Geschichte unseres Volkes aus. Unsere Geschichte
berichtet von sozialem Leben und von der Verwirklichung
religiöser Ideale.
Aber wir fühlen, daß unsere Arbeit noch nicht
getan ist. Die Flut der Welt ist über unser Land
hingefegt, neue Elemente sind uns zugeströmt,
und Anpassungen größeren Stils sind nötig.
Wir fühlen dies um so mehr, als die Lehre und
das Beispiel des Westens dem, was wir für unsere
Aufgabe halten, gerade zuwiderläuft.
Im Westen
wird durch den nationalen Mechanismus von
Handel und Politik die Menschheit schön ordentlich
in Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen
und hohen Marktwert haben; sie sind mit eisernen
Reifen umspannt, mit Aufschrift versehen
und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit
sortiert. Gott schuf doch wahrlich den
Menschen, daß er menschlich sei; aber
dies
moderne Produkt ist so wunderbar regelmaßig
zugeschnitten und poliert, hat so sehr den
Charakter der Fabrikware, daß
der Schöpfer
Mühe haben wird, es als ein geistiges Wesen
zu erkennen, als das Geschöpf, das er nach seinem
göttlichen Bilde schuf.
Aber ich greife schon vor. Was ich sagen
wollte, ist dies. Nehmt es, wie ihr wollt: dieses
Indien hat seit wenigstens fünf Jahrtausenden
versucht, in Frieden zu leben, und dies Indien
war ohne Politik, ohne Nationalismus; sein einziger
Ehrgeiz war, diese Welt als beseelt zu
erkennen und jeden Augenblick seines Lebens
zu leben in demutsvoller Anbetung und im
frohen Bewußtsein der ewigen und persönlichen
Verwandtschaft mit ihr. Über diesen abgelegenen
Teil der Menschheit, der die Harmlosigkeit
des Kindes und die Weisheit des Alters hatte,
brach die Nation des Westens herein.
Bei allen Kampfen und Ranken und Betrilgel'eien
seiner frilheren Geschichte war Indien
selbst unbeteiligt geblieben. Denn seine Heimstatten,
seine Felder, seine Tempel, seine Schulen,
in denen Lehrer und Schiller in Einfachheit und
Frommigkeit und stiller Arbeit zusalnmenlebten,
seine Dorfer mit ihrer friedlichen Selbstverwaltung
und ihren einfachen Gesetzen - alles dies
gehorte wirklich zU Indien. Aber nicht seine
Throne. Sie berlihrten es so wenig wie die
Wolken, die liber sein Haupt hingingen, bald
mit purpurner Pracht gefarbt, bald schwarz,
gewitterdrohend. Oft hatten sie Verheerungen
in ihrem Gefolge, aber sie waren wie Naturkatastrophen,
deren Spuren bald verschwinden.
Aber diesmal war es anders. Diesmal war es
kein bloBes Dahinjagen liber die Oberflache
seines Lebens _ ein Dahinjagen von R.eitern
und FuBsoldaten, von Elefanten mit reichen
Schabracken, weiBen Zelten und Sonnendachern,
von R.eihen geduldiger Kamele , die die Lasten
des koniglichen Hofes trugen, von Fliltenblasern
und Paukenschlagern, "Marmordomen und Moscheen,
Palasten und Grabern. Dies alles kam
und ging sonst wie Perlen von srhaumendem
Wein, und mit ihm die Gesrhichten von Verrat
und Treue, von pliltzlichem Aufstieg und
jahem Fall. Diesmal aber trieb die Nation des
Westens die Fiihlhlirner ihres Mechanismus tief
in den Boden hinein. Deshalb, sage ich euch,
mUssen wir selbst Zeugnis ablegen von dem, was
unser Volk fUr die Menschheit bedeutete. Wir
hatten die Horden del' Mongolen und Afghanen
kennengelernt, die in Indien einfielen, abel' wir
hatten sie kennengelernt als menschliche Rassen
mit ihren besonderen Religionen und Sitten,
Neigungen und Abneigungen - wir hatten sie
nicht als Nation kennengelernt. Wir liebten
und haBten sie, wie die Anlasse es ergaben,
wir kampften fUr oder gegen sie, sprachen mit
ihnen in einer Sprache, die sowohl ihre als
unsere war, und halfen so an unserm Teile mit,
das Schicksal unseres Reiches zu lenken. Aber
diesmal hatten wir es nicht mit Klinigen, nicht
mit menschlichen Rassen zu tun, sondern mit
einer Nation WIr, die WIr selbst keine
Nation sind.
Wir wollen jetzt einmal auS unserer ergenen
Erfahrung heraus die Frage beantwOrten: Was
ist eine Nation?
Eine Nation im Sinne politischer und wirtschaftlicher
Vereinigung eines Volkes ist die
Erscheinung, die eine ganze Beviilkerung bietet,
wenn sie zu einem mechanischen Zweck organisiert
wird. Die menschliche Gesellschaft
als solche hat keinen uber sie hinausreichenden
Zweck. Sie ist Selbstzweck. Sie ist die Form,
in der der Mensch als soziales Wesen sich von
selbst ausdruckt. Sie ist die naturliche Ordnung
menschlicher Beziehungen, die den Menschen
die Mllglichkeit gibt, in gemeinsamem Streben
ihre Lebensideale zU entwickeln. Sie hat auch
eine politische Seite, aber diese dient nur einem
besonderen Zweck, dem der Selbsterhaltung. Es
ist die Seite der Macht, nicht die des Lebensideals.
. Dnd so war in fruheren Zeiten die
Politik nur ein besonderes Gebiet, das Fachleuten
vorbehalten war. Aber wenn mit Hilfeder
Wissenschaftund der Immer vollkommener
werdenden Organisation dies Gebiet zu erstarken
beginnt und reiche Ernten einbringt, dann
wiichst es mit erstaunlicher Schnelle uber seine
Grenzen hinaus. Denn dann spornt es alle seine
Nachbargebiete zur Gier nach materiellem Gewinn
und infolgedessen zu gegenseitiger Eifersucht
an. Und weil jeder den andern fUrchten
muB, muB jeder nach Macht streben. Die
Zeit kommt, wo es kein Halten mehr gibt, denn
del' Wettbewerb wird hitziger, die Organisation
nimmt immer groBern Umfang an, und die
Selbstsucht wird ubermachtig. Indem die Politik
aus del' Gewinnsucht und Furcht des Menschen
Vorteil zieht, nimmt sie in del' Gesellschaft
einen Immel' groBeren Raum ein und
wicd zuletzt ihre beherrschende Macht.
Es ist wohl moglich, daB illr, durch die Ge-
wohnheit abgestumpft, das Gefiihl dafur verloren
habt, daB heutzutage die natiirlichen Bande
del' menschlichen Gesellschaft zerreiBen und
rein mechanischer Organisation· Platz machen.
Abel' ihr konnt die Zeichen davon uberall sehen.
Ihr seht, wie Mann und Weib sich gegenseitig
den Krieg erklaren, weil das natiirliche Band,
das sie miteinander in Harmonie verbindet, gerissen
ist. Del' Mann ist nul' noch Berufsmensch,
del' fur sich und andere Reichtiimer erzeugt,
indem er bestandig das groBe Rad der Macht
dreht - sich selbst Lrnd der allgemeinen
Bureaukratie zuliebe. Die Frau mag hinwelken
Hnd sterben oder ihren Lebenskampf allein ausfechten.
Und so ist an die Stelle von natiirlie-
hem Znsammenwirken Wettbewerb getreten.
So wandelt sich sagar die seelische Beschaffenheit
von Mann Hnd Weib hinsichtlich iht'er Beziehnng
zHeinander, Hnd ihr Verhaltnis wird das
roher, kampfender Elemente, nicht das von
Menschen, die in einer auf gegenseitige Hingabe
gegriindeten Vereinigung ihre Erganzung suchen.
Denn die Elemente, die sich nicht mehr natiirlich
verbinden konnen, haben den Sinn ihres
Daseins verloren. Wie Gasmolekiile, die in
einem zu engen Raum zusammengepre13t sind,
sind sie miteinander in bestandigem Kampf, bis
sie das GeiaB selbst zersprengen, das sie einzwangt.
Und dann denkt an jene, die sich Anarchisten
'nennen, die den Druck der Macht auf das Individuum
in keiner Form dulden wollen. Der
Grund ihrer Auflehnung ist, daB die Macht
etwas zu Abstraktes geworden ist, sie ist ein
wissenschaftliches Produkt, das in dem politischen
Laboratorium der Nation erzeugt wird durch
Einschmelzung der menschlichen Personlichkeit.
Und was bedeuten im wirtschaftlichen Leben
diese Streiks, die wie Dornstraucher auf un-
fruchtbarem Boden jedesmal, wenn sie niedergeschlagen
sind, mit erneuter Kraft wieder emporschieBen?
Was anders, als daB der Reichtum
erzeugende Mechanismus immer mehr ins Ungeheure
anwachst und ill keinem Verhaltnis
mehr steht zu allen andern Bediirfl1issen dar
Gesellschaft - und daB der wirkliche Mensch \
irnnier mehr und mehr unter seinem Gewicht II
erdriickt wird? Solch ein' Zustand bringt unvermeidlich
best1indige Fehden mit sich zwischen
den Elementen, die nicht mehr von dem Ideal
des vollen Menschentums beherrscht werden, und
Kapital und Arbeit sind in ewigem wirtschaftlichem
Kampf tniteinander. Denn Gier nach
Reichtum und Macht kennt keine Grenze, und
aus einem Vergleich aus Eigennutz kann nie
endgiiltige Versohnung werden. Sie miissen bis
ans Ende Eifersucht und Mi13trauen briiten, und
dies Ende kann nur ein plotzlich hereinbrechendes
Verderben sein oder geistige Wiedergeburt.
VI{enn diese Organisation von Politik und
Handel, die man Nation nennt, allmiichtig wird
auf Kosten der Harmonie del' hoheren Lebensformen,
dann steht es schlimm um die Menschheit.
Wenn ein Familienvater sich dem Spiel
ergibt und die pflichten gegen die Seinen an
zweite Stelle treten, dann ist er nicht mehr
ein Mensch, sondel'll eine von del' Gewinnsucht
getriebene Maschine. Dann kann er Dinge tun,
deren er sich im normalen Zustande schiimen
wiirde. \Vie beim einzelnen, so ist es auch bei
del' menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts
mehr ist als organisierte Kraft, so gibt es wenig
Verbrechen, deren sie nicht fiihig ist. Denn
Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre
Daseinsbere.chtigung gibt, ist del' materielle Erfolg,
wiihrend Ziel und Zweck des Menschen
allein das Gute ist. Wenn diese Organisationsmaschine
anfiingt, groBen Umfang anzunehmen,
und die Maschinenarbeiter zu Teilen del' Maschine
werden, dann wird der persiinliche Mensch zu
einem Phantomr verfltichtigt, alles was Mensch
war, wird Maschine und dreht (jas groJ3e Rad
der Politik ohne das leiseste Geftihl von Mitleid
und sittlicher Verantwortung. Es mag wohl
vorkommen, daJ3 selbst in diesem seelenlosen
Getriebe die sittliche Natur des Menschen noch
versucht, sichzu behaupten, aber all die Seile
und Rollen knarren und kreischen, die Faden
des menschlichen Herzens verstricken sich in dem
Raderwerk der menschlichen Maschine, und nur
mit Mtihe kann der sittliche Wille ein blasses,
verktimmertes Abbild dessen, was er erstrebte,
zustande bringen.
Dies abstrakte Wesen, die Nation, regiert
Indien. Es werden bei uns eine Art Konserven
angezeigt, die hergestellt und verpackt sem
sollen, ohne von Handen bertihrt zu sein. Diese
Beschreibung paJ3t auf die Art, wie Indien regiert
wird; auch hier ist fast nichts von einer
menschlichen Hand zu sptiren. Die Gouverneure
brauchen unsere Sprache nicht zu kennen, brauchen
nicht in persiinliche Bertihrung mit uns zu
kommen, auBer in ihrer Eigenschaft als Beamte,
sie konnen aus hochmiitiger Entfernung unsere
Bestrebungen rordern oder hindern, sie konnen
uns auf einen bestimmten politischen Weg fiihren
und dann am Draht ihrer Amtsmaschinerie
wieder zuriickziehen; die englischen Zeitungen,
deren Spalten mit dem Pathos, das die Sache
verlangt, ausfiihrlich von Unf<illen auf den Londoner
StraBen erzahlen, brauchen nur eine knappe
Notiz zu bringen von dem Elend, das weite
Strecken Indiens heimsucht, die zuweilen mehr
Raum einnehmen als die britischen Inseln.
Aber wir, die wir regiert werden, sind keine
bloDe Abstraktion. Wir sind Individuen mit
lebendigem Gefiihl. Was in Form einer leblosen
Politik zu uns kommt, kann uns ins
innerste Lebensmark dringen, kann unser Yolk·
vielleicht fiir immer schwachen und hilflos
machen, ohne daB auf der andern Seite ein
menschliches ROOren sich fiihlbar macht, oder
jedenfalls sich SO fiihlbar macht, daB es irgendwelche
WirkUllg hatte. So umfassende und
summarische Handlungen von so furchtbarer
Verantwortung wird der Mensch nie mit solehem
Grad von systematischer Unbekfunmertheit begehen
da, wo er individueller Mensch ist. Solehe
HandlungeJ:1 werden nur moglich, wo der Mensch
ein Polyp von Abstraktionen ist, der seine sich
schlangelnden Arme mit ihren unzahligen Saugscheiben
weit nach allen Seiten ausstreckt, selbst
In die ferne Zukunft hinein. Unter soleher
Regierung der Nation werden die Regierten
Von MiJ3trauen verfolgt, und dies MiJ3trauen erftillt
eine gewaltige Masse von organisiertem
Hirnund Muskeln. Strafen werden zuerteilt,
die in unzahligen Menschenherzen blutige Spuren
zurticklassen; aber diese Strafen werden von
einer rein abstrakten Gewalt ausgeteilt, in der
die menschliche Personlichkeit der ganzen Bevolkerung
eine6 fernen Landes untergegangen ist.
Ich will hier jedoch nicht die Frage erortern,
insofern sie mein eigenes Land angeht, sondern
ich will tiber ihre Bedeutung ftir die Zukunft
der ganzen Menschheit .prechen. Es handelt
sich hier nicht urn die englische Regierung,
sondern urn die Regierung durch die Nation --
die Nation, die die organisierte Selbstsucht eines
ganzen Volkes ist und alles das von ihm ver-
korpert, was am wenigsten menschlich und am
wenigsten geistig ist. Wir haben intime Erfahrung
nul' mit del' englischen Regierung gemacht,
und man darf wohl annehmen, daB, soweit
es sich urn Regierung durch eine Nation
handelt, die englische noch eine del' besten ist.
Wir mlissen auch in Betracht ziehen, daB del'
Osten den Westen notwendig braucht. Wir erganzen
einander wegen unserer verschiedenen Art
auf das Leben zu blicken, die uns zu verschiedenen
Auffassungen von del' Wahrheit gefiihrt hat.
Wenn es daher wahl' ist, daB del' Geist des Westens
wie ein Sturmwind libel' unsere Felder hingefegt
ist, so hat er doch auch lebendigen Samen
mit sich gebl'acht, del' unsterblich ist. Und wenn
wir in· I9fien dahin kommen, das, was in del'
westlichen Kuhul' dauel'nd ist, in unser Leben
aufzunehmen, so werden wir einst in del' Lage
sein, pine Versohnung zwischen diesen heiden
groBen Wehen zustande zu bringen. Dann wird
del' driickende und verletzende Zustand der ein-
wird hnmer riesiger und gewaltiger und bringt
den Menschen aus seinem sittlichen Gleichgewicht,
indem er die rnenschliche Seite seines Wesens
durch seelenlose Organisation uberwiegen
laBt. Wir haben seinen eisernen Griff an der
Wurzel unseres Lebens gespurt, und urn der
Menschheit willen mussen wir aufstehen und
unsern Warnungsruf erschallen lassen, daB dieser
Nationalismus eine furchtbare Epidernie ist, die
die heutige Menschheit erfaBt hat und an ihrer
sittlichen Lebenskraft zehrt.
Ich schatze und liebe die Englander al~ Menschen.
Sie haben groBherzige Manner erzeugt,
groBe Denker und groBe Manner der Tat. Sie
haben eine groBe Literatur hervorgebracht. Ich
weiB, daB sie Gerechtigkeit und Freiheit lieben
und' die Luge Iyassen. Sie sind rein in ihrem
Fiihlen, offen in ihrem Wesen, treU in ihrer
Freundschaft; sie sind ehrlich und zuverlassig in
ihrer Handlungsweise. Die personlichen Erfahrungen,
die ich mit ihren Gelehrten und Literaten
gemacht habe, hat rneine Bewunderung
erregt, nicht nur fur ihre Gedankentiefe und
seitigen Herrschaft ein Ende haben. Und was
mehr bedeutet, wir mussen bedenken, daB die
Geschichte Indiens nicht einer bestimmten Rasse
angehilrt, sondern daB in ihrem Verlauf verschiedene
Rassen daran schilpferischen Anteil genommen
haben - die Drawiden und Arier, die
alten Griechen und die Perser, die Muhammedaner
des Westens und die von Zentralasien. Jetzt ist
die Reihe an den EngHindern, dieser Geschichte
ihr Recht zu geben und sie mit dem Einschlag
ihres Lebens zu bereichern, und wir haben weder
das Recht noch die Macht, dies Volk zu hindern,
am Geschick Indiens mitzubauen. Daher geht
das, was ich uber die Nation sage, mehr die Geschichte
der Menschheit an als die Indiens im
besonderen.
Diese Geschichte ist in ein Stadium gekommen,
wo der sittliche Mensch, der ganze Mensch, fast
ohne es zu wissen immer mehr und mehr dem
politischen Menschen und dem Geschaftsmenschen,
dem Menschen des begrenzten Ziels, Platz macht.
Dieser Vorgang, der unterstutzt wird durch die
erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft,
wird immer neslger und gewaltiger und bringt
den Menschen aus seinem sittlichen Gleichgewicht,
indem er die menschliche Seite seines Wesens
durch seelenlose Organisation uberwiegen
laJ3t. Wir haben seinen eisernen Griff an der
Wurzel unseres Lebens gespurt, und um der
Menschheit willen mussen wir aufstehen und
unsern Warnungsruf erschallen lassen, daJ3 dieser
Nationalismus eine furchtbare Epidemie ist, die
die heutige Menschheit erfaJ3t hat und an ihrer
sittlichen Lebenskraft zehrt.
!ch schatze und liebe die Englander al~ Menschen.
Sie haben groJ3herzige Manner erzeugt,
groJ3e Denker und groJ3e Manner der Tat. Sie
haben eine groJ3e Literatur hervorgebracht. !ch
weiJ3, daJ3 sie Gerechtigkeit und Freiheit lieben
und'die Luge ,1;Jassen. Sie sind rein in ihrem
Fuhlen, offen in ihrem VVesen, treu in ihrer
Freundschaft; sie sind ehrlich und zuverlassig in
ihrer Handlungsweise. Die personlichen Erfahrungen,
die ich mit ihren Gelehrten und Literaten
gemacht habe, hat meine Bewunderung
erregt, nicht nur fUr ihre Gedankentiefe und
Kraft des Ausdrucks, sondenl auch fUr ihre ritterliche
Menschlichkeit. Wir haben die GroBe dieses
Volkes gefiihlt, wie wir die Sonne fiihlen; abel'
was die Nation betrifft, so ,ist sle fUr uns ein
dichter, erstickender Nebel, der die Sonne selbst
verdeckt.
Diese Regierung durch die Nation ist weder
englisch noch irgendeinem andern Yolk beEOndel's
eigentiimlich; sie ist eine angewandte ~'issenschaft
und daher, wo auch immer sie geiibt wird,
in ihren Grundsatzen mehr odeI' weniger sieh
ahnlich. Sie ist wie eine hydraulisehe Presse,
deren Druck unpersonlich und deswegen von unfehlbarer
Wirkung ist. Die GroBe ihrer Kraft
kann bei den verschiedenen Maschinen verschieden
sein. Es gibt sogar solche, die mit der Hand
getrieben werden und daher noch einen gewissen
Spielraum fiir loseren Druck lassen, abel' in bezug
auf Geist und Methode sind die Untersehiede
gering. Wenn unsere Regierung hollandiseh odeI'
franzosisch odeI' portugiesisch ware, so wiirde sie
im wesentlichen -doch dieselben Ziige haben wie
jetzt. Vielleicht nul', daB in einzelnen Fallen die
Organisation nicht so unerbittlich vollkommen
ware und noch ein verlorener Rest von :Menschlichkeit
am Rad del' Maschine hangenbleiben
wurde, bei dem unser pochendes Herz Antwor!.
finden konnte.
Bevor die Nation zur Herrschaft uber uns gelangte,
hatten wir andere fremdlandische Regierungen,
und diese hatten, wie alle Regierungen,
auch etwas von del' Maschine an sich. Aber der
Unterschied zwischen Ihnen und del' Regierung
durch die Nation ist wie del' zwischen Handweberei
und Maschinenweberei. In den Erzeugnissen
des Handwebstuhls druckt sieh der Zauber
der lebendigen, fiihlenden Menschenhand aus,
lot und sein friedliches Summen ist in Harmonie mit
del' Musik des Lebens. Abel' die Webemaschine
ist starr und unerbittlich genau und monoton
in ihrer Arbeit.
Wir mussen zugeben, daB in den friiheren
Zeiten del' personlichen Regierung Faile von
II Tyrannei, Ungerechtigkeit und Erpressung vorkamen.
Sie braehten Leiden und Unruhe, und
wir sind dankbar, davon befreit zu sein. Der
Schutz des Gesetzes ist
nicht nur ein Geschenk,
das uns zuteil wurde, sondern auch eine wertvolle
Lehre. Er lehrt uns, welche Zucht niltig
ist, wenn die Kultur Bestand haben und der Fortschritt
dauern solI. Durch ihn wird uns klar,
daB es eine allgemeine Norm der Gerechtigkeit
gibt, auf die aIle Menschen, ohne Riicksicht auf
ihre Kaste und Farbe, gleiches Anrecht haben.
Diese Herrschaft des Gesetzes in der gegenwiirtigen
Regierung Indiens hat Ordnung hergestellt
in diesem weit ausgedehnten Lande, das
von Villkern verschiedener Rassen und verschiedener
Sitten bewohnt wird. Sie hat es diesen
Villkern milglich gemacht, niiher miteinander in
Beriihrung zu kommen und sich zu hilherem
Streben zu verbinden.
Aber es ist der Geist des Westens, nicht die
Nation des Westens, die in den verschiedenen
Rassen Indiens die Sehnsucht nach briiderlicher
Vereinigung geweckt hat. Wo auch immer ein
Yolk Asiens eine hilhere Weisheit Yom Westen
gelernt hat, da geschah es gegen den Willen der
westlichen Nation. Nur weil Japan der Herrschaft
del' westlichen Nation hatte trotzen konhen,
konnte es sich die Gaben del' westlichen KUltUl'
invollstem MaBe zu eigen machen, Und China,
das von diesel' Nation an del' Quelle seines moralischen
und physischen Lebens vergiftet worden
ist, kann es vielleicht noch gelingen, dem Westen
seine besten Lehren abzulauschen, wenn die Nation
es nicht daran hindert. Erst jiingst geschah
es, daB Persien, durch den Ruf dt!; Westens aus
seinem jahrhundertelangen Schlummer aufgeweckt,
sich erhob, um sofort wieder von del'
Nation niedergetreten und zum Schweigen gebracht
zu werden. Dieselbe Erscheinung zeigt
sich auch hier bei euch in Amerika, wo das
Volk gastfrei ist, abel' nicht 'die Nation, die
einem Gast aus dem Orient so begegnet, daB er
sich als Vertreter seines Vaterlandes VOl' euch ,
gedemiitigt fiihlt.
Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen
dem Geist des Westens und del' Nation
• des Westens. Die Wohltaten del' westlichen Kultur.
werden uns von del' Nation mit dem knappsten
MaBe zugeteilt. Sie versucht, unsere Ernahrung
dem Nullpunkt del' Lebensfahigkeit so
nah wie moglieh zu halten. Was unserm Yolk
an Erziehung &"ewiihrt wird, ist so karglieh und
armselig, daB es das AnstandsgefUhl eines europaisehen
Mensehen emporen muBte. Wir haben
gesehen, wie in den westliehen Landern das Yolk
auf jede Weise ermutigt wird, sieh zu bilden,
und wie ihm jede Gelegenheit gegeben wird,
sieh tiiehtig zu maehen fUr den groBen Weukampf
auf dem VVeltmarkt, wahrend in Indien
das einzige, was die Nation fur uns tut, ist, daB
sie uns verhohnt, weil wir zuruekgeblieben sind.
Wahrend sie uns alle Mogliehkeiten versehlieBt
und unsere Erziehung auf das Minimum besehriinkt,
das eine fremde Regierung fUr ihre
Durehfiihrung braueht, beruhigt diese Nation ihr
Gewissen damit, daB sie uns herabzusetzen sueht,
indem sie gesehaftig die zynisehe Weisheit verbreitet,
daB Osten Osten und Westen Westen
bleibt mid die beiden nie ems werden konnen.
Wenn wir glauben mussen, was unser westlieher
Lehrer uns hohnend vorwirft, daB naeh fast zwei
Jahl'hunderten seiner Vormundsehaft Indien nicht
nur unfahig geblieben ist, sich selbst zu regieren,
sondern auch auf geistigem Gebiete keine Originalitiit
hat aufweisen kiinnen - mussen wir
dies der Art der westlichen Kultur und unserer
angeborenen Unffihigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben,
oder dem berechnenden Geiz der Nation,
die die Aufgabe der Europaer, den Osten
zU zivilisieren, auf sich genommen hat? DaB das
japanisc4~ Yolk Gaben hat, die uns fehlen, geben
wir gern zu, aber daB unser Geist von Natur
unschiipferisch ist irn Vergleich zu ihrem, dies
kiinnen wir selbst denen nicht zugeben, denen
zu widersprechen fur uns gefahrlich ist.
In Wahrheit ist narnlich der westliche Nation~
smus nicht. auf soziales Zusarnrnenwirken gegrundet,
sondern von Anfang an und bis in seinen
innersten Kern vorn Geist des Karnpfes und der
Eroberungssucht beherrscht. Er hat die Organisation
der Macht bis zur vollkornmenheit entwickelt,
aber keinen geistigen Idealismus. Er hat
den Geist des Raubtiers, das seine Beute haben
muB. Urn" keinen Preis will er dulden, daB
serne Jagdgriinde rn Kulturland umgeschaffen
werden. Ja, im Grunde kampfen diese Nationen
miteinander nur um groBere Ausdehnung ihres
Jagdgebietes. Daher stellt sich die westliche Nation
wie ein Damm auf, um den freien Strom
der westlichen Kultur in das nationslose Land
aufzuhalten. Weil diese Kultur eine Kultur der
Macht ist, sucht sie sich abzuschlieBen und will
ihre Quellen nicht denen offnen, die sie sich Zur
Ausbeutung erwahlt hat.
Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz
das Gesetz dermenschlichen Natur, und der
sich abschlieBenden Kultur, die sich von denen
nahrt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird
ihre sittliche Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei,
die sie zfichtet, trocknet allmahlich die
Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit,
zu der sie ihre Opfer verdammt, hiingt sich
mit ihrer ganzen Schwere an sie, und es wird
ein Tag kommen, wo all die Lander der Welt,
die die Nation am Eigenleben und an der Selbsterhaltung
hindert, die furchtbarste aller Lasten
ffir sie werden und sie in den Abgrund ziehen.
Wenn die Macht so weit geht, daB sie, um un-
gehindert ihren Weg fortzusetzen, aile Hindernisse
beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende
Siepesfahrt mit jiihem Sturz. Ihr sittlicher
Hemm"schuh gibt mit jedem Tage, ohne
daB sie es merkt, ,immer mehr nach, und der
Pfad, auf dem sie so leicht dahinglitt, wird ihr
zum Verhiingnis.
Von allen Gaben der europiiischen Kultur sind
es nur Gesetz und Ordnung, die uns die westliche
Nation mit freigebigem MaB zugeteilt hat.
Wiihrend die kleine Saugflasche, in der sie uns
Erziehung verabfolgt, fast leer ist und die Gesundheitspflege
am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen
wie die Heeresorganisation, das Verwaltungs-
und Polizeiwesen, die Geheimpolizei,
das geheime Spionagesystem zu abnormer Kijrpermile
gediehen und machen sich in jedem Winkel
unseres Landes breit. Sie sind nijtig, um die
Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese
Ordnung ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung
nicht dazU: da sein, dem Volke mehr Mijglichkeiten
zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln?
Hat sie nicht die Aufgabe der Eier-
schale, deren Wert darin besteht, daB sie dem
Kuchlein. und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht
darin, daB sie dem Menschen in bequemer Form
eine Fruhstucksspeise bietet? BloBe Verwaltung
ist unfruchtbar, ist nicht schopferisch, da sie
etwas LebIoses ist. Sie ist eine Dampfwalze, die
furchtbar an Gewicht und Kraft· ist, auch ihren
Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden
fruchtbar zu machen. Wenn sie, nachdem
sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe
des Friedens bietet, so konnen wir nur leise
murmeln: "Friede ist gut, aber Leben ist besser,
und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat."
Andererseits fehlte es unsern frMeren Regie- "
rungen an vielen Vorteilen der heutigen Regierung.
Aber weil sie nicht Regierungen der
Nation waren, war ihr Gewebe so lose gewoben
und lieB Raum genug, daB unser eigenes Leben
seine Faden hindurchschieBen und seine Muster
heimlich hineinweben konnte. Sicher hatten wir
in jener Zeit Dinge zu ertragen, die uns auBerst
unangenehm waren. Aber wir wissen, daB wenn
wir barfuB auf Kieswegen gehen, unsere FuBe
sich allmahlich den Launen der ungastlichen
Erde anbequemen, wahrend der kleinste Kiesel
uns plagt w1d nicht zur Ruhe kommen laBt,
sobald er in unsern Schuh dringt. Und die
Regierung durch die Nation ist soleh einSchuher
schlieBt knapp an, er regelt unsere Schritte
nach einem festen System und laBt unsern FiiBen
so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten.
Wenn ihr daher eure Statistiken aufweist,
die die Anzahl von Kieseln, an die unsere FiiBe
friiher stieBen, mit der geringen Zahl unter dem
gegenwartigen System vergleichen, so treffen
diese kaum das Wesentliche. Es handelt sich
nicht urn die Zahl der auBeren Hindernissa, sondern
urn die Ohnmacht des Einzelnen, sie aus
dem Wege zu raumen. Diese Beschrankung der
Freiheit ist ein Lrbel, das nicht sowohl durch
seinen Umfang als durch seine Art unertraglich
wird. Und wir konnen nicht umhin, den Widerspruch
zu sehen, daB, wahrend der Geist des
Westens unter dem Banner der Freiheit dahinschreitet,
die Nation des Westens ihre eisernen
Ketten der Organisation schmiedet, die hartesten
und unzerbrechlichsten, die je in der Menschheitsgeschichte
geschmiedet wurden.
Als Indien noch nicht unter der Herrschaft
der Organisation stand, waren die Moglichkeiten,
daB die Zustande sich verandern konnten, groB
genug, urn kraftvollen und mutigen Mannern
das Gefiihl zu geben, daB sie ihr Schicksal in
ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung
auf das Unerwartete war immer da, und
ein freieres Spiel der Einbildungskraft, sowohl
auf seiten der Regierenden als der Regierten,
beeinfluBte den Werdegang der Geschichte. Wir
standen nicht vor einer Zukunft, die wie eine
kalte weiBe Mauer von GranitblOcken der Auswirkung
und Ausbreitung unserer Krafte sich
entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin
liegt, daB diese Krafte infolge des kiinstlichen
Lahmungsverfahrens an der Wurzel absterben."
Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen
Lande ist vollstandig in der Gewalt, einer gar-zen
Nation, deren nie ermiidender Wachsamkeit _
da es die Wachsamkeit einer Maschine ist - die
Moglichkeit menschlicher Nachsicht und Unter-
scheidung fehlt. Bei dem geringsten Druck auf
ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge,
und kein einziger in der unendlichen Menge der
von ihr Beherrschten kann ihrem scheuJ3lich
starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und so~
bald nur ein klein wenig an der Schraube gedreht
wird, fiihlt die ganze, groBe Beviilkerung, Manner,
Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert
und ihnen den Atem raubt, und kein
Entweichen ist miiglich, weder im eigenen Lande
noch selbst in irgendein fremdes Land.
Dieser bestandige ungeheure mechanische Druck
des Leblosen auf das Lebendige ist es, worunter
die heutige Welt stiihnt. Nicht nur die unterworfenen
Rassen, sondern ihr selbst, die ihr
glaubt frei zu sein, opfert taglich eure Freiheit
und Menschheit dem Giitzen Nationalismus und
lebt in· der dumpfen, vergifteten Atmosphare -von
MiBtrauen, Gier und Angst, die sich iiber die
ganze Welt erstreckt.
Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze
Volk slch ·freiwillig geistig zurechtstutzen und
seine Freiheit beschneiden laBt von einer Regie-
rung, die durch allerlei erziehliche MaJ3nahmen
ihre Gedanken regelt, ihre Gefiihle kiinstlich erzeugt,
argwlihnisch aufpaJ3t, wenn sie Miene
machen, sich geistigen Dingen zuzuwenden, und
sie auf engem Pfade nieht zu ihrem wahren
Ziele ·fiihrt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem·
Rezept zu einer gleichflirmigen Masse zusammenschweiJ3en.
kann. Und das Yolk fiigt sich freudig
und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei,
weil es den krankhaften Wunsch hat, auch so
eine Kraftmaschine, die man Nation nennt, zu
werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz
gleichzutun.
Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker
des Nationalismus nach del' Weisheit seines Strebens
fragt, so antwortet er: "Solange Nationen
in diesel' Welt so urn sich greifen, haben wir
nicht mehr das Recht, unser hliheres Menschen- ...
tum £rei zu entwickeln. Wir brauchen aile
unsere Krafte, urn dem Ubel zu widerstehen,
und das tun wir am besten, wenn wir es uns
selbst im hlichsten Grade zu eigen machen. Denn
die einzige Verbriiderung, die in del' modernen
Welt moglich ist, ist die SpieBgesellenschaft des
Banditentums." Die Stiftung des Bruderbundes
zwischen Japan und RuJ3land, die jungst mit so
viel Jubel in Japan gefeiim wurde, hatte ihren
Grund nieht in, dem plOtzlichen Wiederaufleben
des christlichen oder buddhistischen Geistes, sondern
sie grundete sich auf etwas, was nach den
modernen Glaubenssiitzen sieherer und zuverliissiger
ist, auf gegenseitige Bedrohung.
Ja, man muB zugeben, daB dies das wahre
Bild der Welt der Nation ist, und die einzige
Lehre, die die yolker der Erde daraus ziehen
konnen, ist, daB sie aUe physischen, geistigen
und sittlichen Kriifte anstrengen soUten, einander
in dem graBen Ringkampf urn die Macht zu
Boden zu werfen. In den alten Zeiten richtete
Sparta sein ganzes Augenmerk darauf, wie es
miichtig werden konnte; es gelang ihm dadurch,
daB es seine Menschheit verstiimmelte, und es
starb an der Amputation.
Aber es ist fur uns kein Trost, zu wissen,
daB das VerkuIhmern der menschlichen Natur,
unter dem die heutige Zeit leidet, sich nieht auf
die unterworfenen Volker beschrankt, daB das
Ubel bei den Volkern, die sich frei glauben, noch
schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt
und, ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn
ihr eure hoheren LebensgUter um Gewinn und
Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl,
und meinetwegen steht da und freut euch tiber
euer wachsendes Gedeihen, wahrend eure Seele
Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft
ablegen mtissen dafiir, daB ihr die selbstsUchtigen
Triebe in ganzen Volkern auf den
hochsten Grad entwickelt und organisiert und
dies gut nennt? Ich frage euch, gibt es in der
ganzen Menschheitsgeschichte, selbst in ihren
dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches
wie diese Untat der Nation, die ihre Pranken
tief in das nackte Fleisch der Welt schlagt, und
deren einzige Sorge ist, daB sie nur keinen Augenblick
den Griff lockert?
Ihr Volker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer
ausgebrtitet habt, konnt ihr euch die trostlose
Verzwei±lung derer vorstellen, die diesem
abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen
zum Opfer gefallen sind? Konnt ihr euch an die
Stelle der Volker versetzen, die zum ewigen Verlust
ihrer Menschheit verdammt scheinen, die
nicht nur bestandig in ihrer Menschheit gekrankt
werden, s?ndern Loblieder anstimmen miissen
auf die Giite eines mechanischen Apparats, der
die Rolle ihrer Vorsehung spielt?
Habt ihr nicht gesehen, daB, seit es eine Nation
gibt, die ganze Welt vor ihr wie vor einer
Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke
gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen
Bosheit, und wo sie ihre Augen nicht zu fiirchten
brauchen, da haben die Menschen bestandig Angst
vor ihrem Riicken. Jedes Gerausch eines Trittes,
jeder Laut in der Nachbarschaft laBt aile vor
Schrecken ,zusammenfahren. Und diese Angst
ruft alles Bose in der Menschennatur wach. Sie
bewirkt es, daB ,er sich seiner Unmenschlichkeit
fast nicht mehr schamt. Auf kluge Lligen tnt
ersich etwas zugute. Feierliche Geliibde werden
ihm gerade durch ihre Feierlichkeit zur lacherlichen
Farce. Die Nation mit all ihrer Ausstaffierung
von Mllcht und Erfolg, mit ihren
Fahnen und frommen Hymnen, ihren gotteslasterlichen
Gebeten in den Kirchen und den
prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen
GroBsprecherei, kann doch die Tatsache nicht
verbergen, daB die Nation selbst das groBte Ubel
fur die Nation ist, daB aile ihre VorsichtsmaBregeln
gegen sie gerichtet sind und daB die Geburt
jeder neuen Nation in der Welt in ihr die
Furcht vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr
einziger Wunsch ist, sich die Schwache der
ubrigen Welt zunutze zu machen, wie einige
Insektenarten, die den Opfem, in deren wehr-·
losem Fleisch sie ihre Brut groBziehen, nur gerade
so viel Leben lassen, daB sie genieBbar und
nahrhaft sind. Daher ist sie immer bereit, ihre
giftige Fli1ssigkeit in die Lebensorgane der andem
Volker zu flOBen, die nicht Nationen und
daher wehrlos sind. Aus diesem Grunde hat die
Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien
gehabt. Das groBe China, mit seinem Reichtum
an alter Weisheit und sozialer Ethik, mit
seiner Erziehung zu FleiB und Selbstbeherrschung,
ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen
der Nation erweckt. Schon sitzen in seinem
bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr
Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen
Wissenschaft und des Egoismus, nach ihm
schleuderte'. Sein klaglicher Versuch, seine alten
Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen
Ideale abzuschiltteln und den letzten Rest seiner
erschopften Krafte darauf zu verwenden, sich filr
die moderne Welt tiichtig zu machen, wird bei
jedem Schritt von der Nation vereitelt. Diese
zieht die Schlinge seiner finanziellen Verpflichtungen
immer fester urn seinen Leib und versucht,
ibn aufs Trockene zu ziehen und in Stiicke
zu zerlegen, urn dann hinzugehen und offentrtch
Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert
hat, daB neben dem einen groBen lJbel
em zweites aufkomme und es gefahrde. Und
fUr alles dies erhebt die Nation Anspruch auf
den Dank der Geschichte und auf das Recht,
die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und laBt
von einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder
auf sich singen als .auf das Salz der Erde,
die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes,
den er mit aller Gewalt den Nationslosen auf
die nackten Schadel schleudert.
Ich weiB, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr
werdet sagen: SchlieBt euch selbst zu einer Nation
zusammen und widersetzt euch den Dbergriffen
der "Nation". Aber ist das der rechte
Rat? Der Rat, den der Mensch dem Menschen
gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich
warde euch gern glauben, wenn ihr sagtet:
"Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem Verhaltnis
zu den Menschen, ziigelt eure Gier, macht
euer Leben gesund durch groBere Einfachheit
und zeigt mehr, daB ihr an das Gottliche im
Menschen glaubt." Aber diirft ihr sagen, daB
nicht die Seele, sondern die Maschine das Wertvollste
fUr uns ist und daB das Reil des Menschen
davon abhangt, daB er es in der Kunst,
sich dem Rhythmus des toten Raderwerks anzupassen,
zur Vollkommenheit bringt? DaB Maschine
gegen Maschine, Nation gegen Nation
kampfen muB in einem endlosen Stiergefecht?
Ihr sagt, daB diese Maschinen ein Dbereinkommen
treffen werden zu gegenseitigem Schutz,
das sich auf ihre Furcht voreinander grundet.
Abel' wo bleibt bei diesem Biindnis von Dampf"
kesseln die Seele, die Seele, die ihr Gewissen
und ihren Gott hat? Und was soU aus dem groBen
Teil del' W,:lt werden, den anzugreifen keine
Furcht euch zuruckhalten kann? Die einzige
Sicherheit, die jene nationslosen Lander jetzt
haben gegen die ZiigeUosigkeit von Schmiede,
Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus
del' gegenseitigen Eifersucht del' Machte.. Abel'
wenn sie aus zahlreichen Einzelmaschinen sich
zu einer organ.isiel'ten Hel'deneinheit vel'binden,
um gemeinsam auf den Gebieten des Handels
und del' Politik ihre Giel' noch bessel' stillen zu
klinnen, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten,
bleibt dann jenen andel'll, die gelebt und gelitten,
geliebt und angebetet, in tiefem Sinnen
und friedlicher Arbeit ihre TlIge verbracht haben,
und deren einziges Verbl'echen es war, daB sie
sich nicht organisierten?
"Aber'', sagt ihr, "das macht nichts, was nicht
widel'standsfahig ist, muB zugl'unde gehen, das
ist Natul'gesetz. Dann mussen sie eben sterben."
"Nein," sage ich, "urn eurer selbst willen sollen
sie leben und werden sie leben." Es ist sehr
kUhn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen,
aber ich behaupte, daB die Welt des Menschen
eine sittliche Welt ist, nicht well wir ubereingekommen
sind, es blindlings zu glauben, sondern
well es wirklich so ist und well es geflihrlich
fUr uns ist, diese Wahrheit nicht zu sehen.
Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht
auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung
haben. Ihr kllnnt nicht daheim strenge Strafen
auf seine Obertretung setzen und es drauBen fUr
euch so dehnen, daB es sich euren ungezilgelten
Begierden anpaBt.
Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt,
wo dieser grausame Krieg seine Klauen
in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo
seine angehauften Schatze in Rauch aufgehen
und seine Menschheit auf den Schlachtfeldern
in Stucke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt:
Was hat Europa getan, daB es dies verdient hatte?
Die Antwort ist, daB der Westen systematisch
seine sittliche Natur versteinert hat, um eine
solide Grundlage zu haben, auf der diese ab-
strakten Ungetume die grosste Wirksamkeit entfalten
konnen. Er hat die ganze Zeit den personlichen Menschen
darben lassen, damit der
Berufsmensch gedeihe.
Der einfache und natiirliche Mensch des mittelalterlichen
Europas mit all seinen heftigen Leidenschaften
und Begierden versuchte, eine. Versohnung
zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch
und Geist: In der ganzen stiirmischen Zeit seiner
kraftvollen Jugend haben die weltlichen und geistlichen
Miichte gleichzeitig auf den europiiischen
Menschen eingewirkt und ihn zu einer vollen
sittlichen Persllnliehkeit gebildet. Europa verdankt
aile seine menschliche GroBe jener Zeit der
Zucht, der Zucht des noch unverkftmmerten
Menschen.
Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der
Wissenschaft. Wir wissen aile, daB der Intellekt
etwas Unpersllnliches ist. Unser Leben und unser
Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann
yom personlichen Menschen losgelllst werden,
und nur dann kann er frei schweifen in der Welt
der Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket,
der keine Kleider tragt, keine Nahrung zu sich
nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wiinsche hat,
nicht Liebe noch HaE noch Mitleid mit menschlichen
Unzulanglichkeiten flihlt, der, unberiihrt
durch aIle Wechselfalle des Lebens, nur seinen
Gedanken nachhangt. Er grabt bis an dieWurzeln
der Dinge, weil er kein personliches Gefiihl fiir
die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht
durch aIle Poesie ungehindert zu den Wurzeln
der Worter, denn er sucht nicht lebendige Wirklichkeit,
sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz
gefunden hat, kann er die Leute lehren die Worte
zu meistern. Dies ist eine Kraft, eine Kraft, die
ihren besondern Nutzen hat und einem besondern
Bediirfnis des Menschen entspricht.
Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie,
die die einzelnen Teile eines Dinges zu
einem Ganzen verbindet. Lost ihr dies Band,
so fliegen aIle Teile auseinander, bekamRfen einander
und haben den Sinn ihres Daseins verloren.
Die nach Macht begierig sind, suchen
sich die sich bekampfenden Urelemente zu unterwerfim
und Sle gewaltsam durch enge Kaniile
so zu leiten, daB sie den besonderen Bediirfnissen
der Menschheit dienstbar werden.
Es ist etwas GroBes urn diese Befriedigung
der menschlichen Bediirfnisse. Sie gibt ihm Freiheit
innerhalb der physischen Welt. Sie gibt
ihm Herrschaft iiber Raum und Zeit. Er kann
in kiirzerer Zeit etwas ausrichten und mit mehr
Vorteil einen groBeren Raum einnehmen. Daher
kann er leicht die iiberholen, die in einer
Welt von langsamerem Tempo und weniger ausgenutztem
Raum leben.
Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer
schnellerem Tempo. Dnd weil sie etwas vom
Menschen LosgelOstes ist, wird sie bald die ganze
Menschheit iiberholen. Der sittliche Mensch
bleibt hinter ihr zuriick, weil er seinen Blick
auf die Dinge selbst und nicht nur auf das unpersonliche
und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.
So ist der Mensch, wenn seine geistige und
i . korperliche Kraft sich weit iiber seine sittliche
Kraft hinaus entwickelt, wie eine Giraffenkarikatur,
deren Kopf plotzlich meilenweit iiber ihren
ubrigen Korper hinaus emporgeschossen und kaum
.noch in Verbindung mit ihm ist. Dieser gierige
Kopf mit seinem gewaltigen GebiJ3 hat aile Gipfel
der Biiume abgefressen, aber die Nahrung gelangt
zu spat in die Verdauungsorgane, so daB
das Herz an Blutmangelleidet. Aber der Westen
selbst scheint in glilcklicher Unwissenheit ilber
diese Disharmonie in seiner Natur zu leben. Die
erstaunliche GroBe seines materiellen Erfolgs
nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch,
und er wilnscht sich Glilck zu seinem Wachstum.
Der Optimismus seiner Logik berechnet
sein zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung
seines Eisenbahnnetzes und sieht noch unendliche
Moglichkeiten. Er ist oberfliichlich
genug zu denken, daB alle Morgen dem Heute
gleichen und ihm· nur vierundzwanzig Stunden
hinzufilgen. Er filrchtet die Kluft nicht, die sich
mit jedem Tag weiter oJInet zwischen seinen
sich filllenden Vorratshiiusern und der hungernden
Menschheit. Seine Logik weiB nicht, daB
tief unter den endlosen Schichten von Reichtum
und Behagen Erdbeben sich vorbereiten, die das
Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen
sollen, und daB eines Tages der gahnende
Abgrund geistiger Leere den ganzen aufgehauften
Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen
wird.
Der Mensch in seiner Ganzheit ist nicht miichtig,
sondeen vollkommen. Wenn ihr ihn daher·
zu einer bloBen Kraft machen wollt, so miiBt
ihr seine Seele sovlel wie moglich beschneiden.
Wenn wir ganze Menschen sind, so konnen wir
nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen
Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen
Ideale hindern uns daran. Wenn man
mich dazu bringen will, daB ich menschliche
Wesen hinschlachte, so muB man die Ganzheit
memes Menschentums durch etwas zerstoren,
das meinen Willen tOtet, mein Denken lahmt,
meine Bewegungen mechanisiert, und dann wird
aus der Auflosung der vollen menschlichen Personlichkeit
jene Abstraktion hervorgehel1, jene
zerstorende Kraft, die nichts mehr mit wahrer
Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht
brutal wird. Nehmt den Menschen heraus aus
seiner natiirlichen Umgebung, aus seinem reichen
Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten
und all seiner Fiille von Liebe und Schonheit,
und nichts ist mehr da, was seine Ganzheit zusammenhiilt,
ihr kOnnt ihn stiickweise in das
Riiderwerk eurer groBen Maschine einfiigen, die
dazu dient, in riesigem MaBstabe Reichtiimer
zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock,
und er wird euch Feuer geben, aber nicht
lebendige Bliiten und Fruchte.
,Diese systematische Entmenschlichung ist auf
dem Gebiete des Handels und der Politik vor
sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen
der mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte
Ungeheuer von erstaunlicher Kraft
undiiberraschendem Appetit hervorgegangen, das
der Westen auf den Namen Nation getauft hat.
Wie ich schon sagte, ist sie, weil sie eine Abstraktion
ist, mit der gro!3ten Leichtigkeit dem
Vol1menschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt.
Und da sie das Gewissen eines seelenlosen
Gespenstes und die fiihllose VollkommeIiheit
eines Automaten hat, fiihrt sie zu Kata-
strophen, die die vulkanischen Ausbriiche, des
jungen Mondes durch ihre zers~ijrendeWildheit,
beschiimen" Die, Foige ist, daB' das: MiBtrauen
von Mensch zuMensch' bestiindig wie Nesseln
diese Kuhur an allen Gliedern reizt. JedesLand
wirft sein Spionagenetz in die triiben Wasser 'des
andern und fischt nach dessen Geheimnissen,' den
tuckischen Geheimnissen, die in den schlammigen
Tiefen der Diplomatie ausgebriitet werden. Und
was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue
Gewerbe der Nation: Raub; 'Mord, Verrat
und all die scheul3lichenVerbrechen, die in
den tiefsten Abgrunden der Verderbtheit gezeugt
werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte
von Raub und 'Luge und Treulosigkeit hat, so
kann im Verkehr zwischen ihnen nur MiBtrauen'
und Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche
Scham wird in einem Grade blutarm; daB,
sie ganz jiimmerlich anzusehen ist. Die Nation
hat auf ihrem Dudelsack frommer Entriistung
so, 'oft die MeJodie gewechselt, je nachdem der
Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Biindnisse
es forderten, claB man es, als amusante
Varietevorstellung im p'llitischen Tingeltangel
genieBen kann.
Ich komme eben von einer Reise nach Japan
zuriick, yvo ich diese iunge Nation ermahnte,
an ihren hijheren Idealen der MenschliChkeit
festtuhalten und me vom Westen die organi-,
sierte Selbstsucht des Nationalismus als Religion
zu iibernehmen, sich nie an der Schyvache seiner
Nachbarn zu YVeiden, nie geyvissenlos den
Schyvachen gegeniiber zu himdeln, an denen man'
ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten
be<gehen kann; yvahrend man seine rechte, von
Menschlichkeit strahlende ''\Tange zum KuB der
Beyvunderung denen reicht, die die Macht dazu
haben, ihr einen Streich zu versetzen. Einige
Zeitungen lobten meine Rede yvegen ihrer
poetischen Eigenschaften, yvahrend sie mit beteichnendem
Seitenblick hinzufiigten, daB es die
Poesie eines unterworfenen Volkes sei. Ich fiihlte,
daB sie recht hatten. Japan hat in einer modernen
Schule gelernt, wie man machtig wird.
Es hat seine Lehrzeit beendet und will nun die
Friichte seiner Ausbildung genieBen. Der Westen
hatte mit del' Stirilme seiner donnernden Kanonen
VOl' den Toren JapaIJP gerufen: Es werde eine
Nation lUnd siehe da, es ward eine Nation. Und
nun,da sie da ist, warum habt ihr nieht im
innersten Herzen ein reines Geflihl del' Freude
und sagt, daB sie gut ist? Wie kommt e>, daB
ieh in ~iner englischen Zeitung eine AuBerung
.der Bitterkeit las, als Japan sich seiner tJberlegenheit
in del' Kultur rlihmte - etwas, was
die. Englander sowie die andel'Il Nationen jahrhundertelang
oh,:,e zu errllten getan haben? Wei!
del' Idealismus del' Selbstsueht sieh bestanl1ig mit
einer Dosis von Eigenlob berausehen muE. Abel'
dieselben Laster, die ihnen bei sich selbst so nati1rlieh
und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm
auf und empllren. sie, sobald sie sie
an andern Nationen gewahren. Wenn ihr daher
die japanisehe Nation, naeh eurem eigenen BiJde
geschaffen, auf dem.Fahrwasser nationaler PrahlereL
vom Stapel laufen seht, so schiittelt ihr den
Kopf und sagt: "Es ist nieht gut." 1st Japan
nicht aueh eine Ursaehe, daEman hi",r bei eueh
die Lo~;ung ausgegeben hat, sieh angesiehts des
neuen drohenden Dbeis mit noch groBerer Scha•
.denskraft zu rlisten? Japan versichert, daB es sein
bushido [1] hat, daB es Amerika gegeniiber, dem
es Dank schuidet, nie treulos handein kann. Aber
es wird euch schwer, ihm·zu glauben, denn die
Weisheitder Nation besteht nicht im Glauben
an die Menschheit, sondern im absoluten MiB~
trauen. Ihr sagt eueh, daB ihr es nicht mit dem
Japan .des bushido, mit dem Japan der sittlichen
Ideale zu tun habt, sondern mit der Ab,straktion
der Selbstsuchtdes Volkes, mit· der Nation; und
eine Nationkann nur der andern trauen, soweit
ihre: Interessen zusammengehen, oder wenigstens
sich nicht entgegenstehen. Elier Instinkt sagt
euch, ,daB das .Eintreten eines neuen Volkesin
die Arena. der Nationalitat das Dbel vergroBert,
das alledem· widerspricht, was das Hochste im
Menschen ist, und das durch seinen Erfoig be·
weist, .daB Gewissenlosigkeit der Weg zum Ge·
deihen ist .~ und Gutseingut fiir die Schwachen,
und Gott del' einzig bleibende Trost del' Unterworfenen.
Ja, dies ist die Logik del' Nation. Und sie ""ird
nie auf die Stimme von Recht und Wahrheit
hOren. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit
fortsetzen und Stahl 'an Stahl, Maschine
an Maschine fUgen und all die holden Blumen
des frommen Glaubens und del' lebendigen Ideale
des Menschen niedertreten.
Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten,
daB in unserer Zeit mehr Menschlichkeit
.herrsche als jemals frillier. Del' Grund diesel'
SelbsttiiUschung ist, daB unsere Lebensbediirfnisse
reichlicher befriedigt und unsere physischen Leiden
wirksamer gelindert werden als frillier. Doch
dies geschieht. in del' Haupt~ache nicht durch
sittliche Opferfreudigkeit, sondern durch intellektuelle
Kraft. An Umfang ist dieses Gute groB,
abel' es kommt nicht aus del' Tiefe und geht nicht
in die Tiefe. Kenntnisse und Leistungsfahigkeit
sind miichtig in bezug auf ihre Wirkung nach
auBen, abel' sie. sind die Diener des Menschen,
nicht del' Mensch selbst. Ihr Dienst ist wie die
Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos eingerichtet
ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr
bequem als gastlich.
Daher durfen wir nicht vergessen, daB die
systematischen Organisationen, die sirh nach allen
Seiten weithin ausbreiten, zwar unsere Macht
starken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit
der zunehmenden Macht der Nation wachst ihre
Selbstanbetung und erhalt das Ubergewicht. Der ,
Einzel;'e laBt die Nation bereitwillig auf seinem
Riicken reiten , und so geschieht das Naturwidrige,
das so groBes Ungliick im GefoIge hat,
daB der Mensch mit a~len Opfern einen Gott
verehrt, der sittlich viel tiefer steht als er selbst.
Dies hatte nie geschehen kiinnen, wenn der Gott
so wirklich ware, wie der Mensch selbst.
LaBt mich hierzu eine treffende Erlauterung
geben. In einigen Teilen Indiens wird es der
Witwe- als besonderer Akt der Frllmmigkeit auferlegt,
sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag
lang des Essens und Trinkens ganzlich zu enthalten.
-Dies fiihrt oft zu sinnloser und unmenschlicher
Grausamkeit. Und doch sind die Menschen
von Natur nicht in dem MaJ3e grausam. Abel'
da diese Frommigkeit nichts als. ein toter Begriff
ist, so totet sie das sittliche Geftihl des Menschen
voilstiindig; ebenso wie ein Mensch, del' sonst
kein Tier unnotig quiilen wiirde, doch emer
groJ3en Menge. unschuldiger Geschopfe furchtbare
Leiden verursacht, wenn er sein Gefiihl mit del'
Idee "Sport" betiiubt hat. Well diese Ideen
Erzeugnisse des Inteilekts, logische Klassifikationen
sind, konnen sie den personlichen Menschen so
leichtin ihren Nebel einhiiilen.
Und die Idee del' Nation ist eine del' wirksamsten
Betiiubungsmittel, die del' Mensch erfunden
hat. Unter dem EinfluJ3 seiner Diinste
kann ein ganzes Yolk sein systematisches Programm
krassester Selbstsucht ausfiihren, ohne sich
im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewuJ3t
zu werden - ja, es wird gefahrlich gereizt,
wenn man es darauf hinweist.
Aber kann dies in aile Ewigkeit so fortgehen,
daJ3 das sittliche Geftihl des Menschen immer
mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal
riichen? \Vird diese riesige Organisations-
maschine in dieser Welt nicht eines Tages auf
eine Schranke stoBen, die ihre rasende Fahrt aufhalt
und sie zertrUmmert? Glaubt ihr denn wirklich}
daB man. das Bose auf die Dauer dadurch
in Schach halten kann, daB man es zu liberbieten
sucht, und daB kluge Beratung den Teufel
in dem Kafig der "gegenseitigen Vereinbarungen"
festhalten kann, in dem man ihri provisorisch
untergebracht hat?
Dieser. Krieg der europaischen Nationen ist ein
Vergeltungskrieg. Der Mensch als solcher muB
sich mit allen Kraften dagegen wehren, daB tote
Dinge an Stelle des Herzens treten undSysteme
und Staatskunst an Stelle lebendiger Beziehung
von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen,
wo urn der ganzen schmahlich miBhandelten
Menschheit willen Eur.opa am eigenen Leibe die
furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation
nennt, in ihrem ganzen Umfange spuren muB.
Die Nation ist lange auf Kosten der verstlimmelten
Menschlichkeit .gediehen. Die Menschen,
die vollkorrimensten Geschopfe Gottes,
gingen aus dieser nationalen Fabrik zu groBen
Scharen als Krieg und Geld machende Drahtpuppen
hervor, lacherlich eitel auf die erbarmliche
Vollkommenheit ihres Mechanismus. Die e
menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu
einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten,
Fabrikanten und Bureaukraten, die durch
groBartig funktionierende Drahteinrichtungen hinund
herbewegt werden.
Aber die ganze Brut der Selbstsucht:· HaB
und Gier, Furcht und Heuchelei, Argwohn und
Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfahig.
Diese Ungeheuer wachsen zu einer RiesengrtiBe
an, aber das EbenmaB fehlt ihnen. Und der
Leib dieser Nation,.der nicht aus Fleisch und
Blut, sondern aus Stahl und Dampf und Amtsgebauden
besteht, kann zu einer immer. phantastisCheren
Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis
.endlich die MiBgestalt ihren ganzen Umfang
nicht mehr zusammenhalten kann - sie wird
anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend
giftige. Dampfe und Feuer auszyspeien, und wir
htiren· im. Don!'er .der Kanonen ihr Todesrticheln.
In diesem Xriege hat ·der Todeskampf der Na
tion angefangen. Ihr ganzer Mechanismus ist
pilltzlich toll geworden und hat einenFurien-
'" uinz begonnen, indem er seine eigenen Glieder
zerschmettert und in den .Staub wirft. Es ist
del' fiinfte Akt del' Traglidie des falschen Scheins.
Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit
haben, klinnen nur sehnlichst holIen, daB die
Tyrannei del' Nation nicht ihrefriihere Gestalt
unversehrt zuriickerhalt: ihre Zahne und Klauen,
ihre weitreichenden Eisenarme und ihre ungeheure
innere Hohlheit, wo alles Magen ist und
kein Herz; sie miissen hoffen, daB del' Mensch
aus dem Nebelmeer von Abstraktionen, das ihn
einhiillte, zur Freiheit del' Perslinlichkeit neu geboren
wird.
Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben,
und del' ,,'esten steht Antlitz in Antlitz
seiner Schlipfung gegeniiber, del' er seine Seele
geopfert hat. Jetzt muB er wissen, was das fiir
eine Schllpfung ist.
Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen
Natur' ein ProzeB von langsamem und unmerklichem
Absterben und Verwesen vor sich ging,
der sich bald in skeptizistischen Lehren kund
gab, bald und noch lifter und anscheinend harmloser,
aber darum gefahrlicher, in der Ahnungslosigkeit
von all der Verstiimmelung und Schmach,
die er einem groBen Teil der Menschheit zugefiigt
hat. Jetzt muB er die Wahrheit durch
eigene Erfahrung lernen.
Dnd dann werden unter seinen eigenen Kindem
solche aufstehen, die sich auS der Knechtschaft
der gegenwartigen Illusion befreien, aus
dieser Verderbtheit einer Verbriiderullg, die auf
Selbstsucht gegriindet ist. Sie werden erkennen,
daB 'sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven
einer Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt
und das Leben in Facher einteilt, die mit
ihren. eisemen .Klauen der Welt das Herz ausreiBt
und nicht weiB, was sie getan hat.
Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den
Staub gebeugt ist, wit wollen uns sagen, daB
dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine, aus
denen die Macht ihr stolzes SchloB aufrichtet.
Denn dieser Staub ist fruchtbar an Leben und
Schlinheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott
danken, daB es unser.Los . war, in. Schweigerr
die .Nacht der Tru.bsal mid Verzweiflung hindurch
zu wachen, den Hahn der Stolzen und
die Last des· Gewaltigen zu tragen, daB wir· in
all dem Leiden, obgleich unser Herz von Zweifeln
und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das
Heil durch die Maschine widerstanden und festhielten
an unserem Vertrauen auf Gott und die
menschliche Seele. Und wir hegen doch noch
die Hoffnung, daB, werrn die· Macht besclUimt
von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz
macht, wenn der Morgen kommt,wO die blutigen
Spuren, die die NationzuriicklieB, als sie durch
die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen werden,
man uns ruft; auf daB wir unserheiliges
GefaB.mit Weihwasser ·bringen,.umdie menschliche
Geschichte wieder zu reinigen und den
zertretenen Staub der rahrhunderte wieder mit
Fruchtbarkeit zu segnen.
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Notes:
1. bushido, gewohnlich mit "Ritterlichkeit" ubersetzt,
das ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der
Samurai), uberhaupt der Inbegriff der moralischen Grundsatze des
japanischen Volkes.
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